Tag Archives: Neologismen

Nuschelschild

Nina von «Sehsucht» hat ein Nuschelschild entdeckt. Diesen Namen gibt sie ihm wegen seines «stream-of-consciousness-mässigen Nuschelns» über zufällig aufgezählte Esswaren («30 div. Salate, belegte Brötli»). Als Werbeträger finde ich Nuschelschilder allemal sympathischer als die aktuellen Gags der Werber. Die lustige Kaffeewerbung mit den Schreibfehler oder die noch lustigere Käsewerbung mit dem Dialäkt-Hochdeutsch-Gepansche können sich beim [...]

Busshaltestelle

Ein nobel lateinischer «Circus» kommt in mein Städtchen und kündet an, das Zelt werde bei der «Busshaltestelle» aufgeschlagen. Eine überfällige Neuschöpfung. Für Spirituelle kann die Busshaltestelle in Zukunft einen definierten Ort der Busse (und Einkehr) bezeichnen, zum Beispiel auf dem Jakobsweg. Autofahrer werden sie als charmantere Bezeichnung für Polizei-Grosskontrollen einsetzen, und Rotlichter missachtende Velofahrer als [...]

Hanebücherei

Der Mond und das Pfefferland füllen sich diese Woche mit Anlageberatern und Börsenhändlern. Wo bleibt noch Platz für schlechte Drucksachen? Vielleicht in der fiktiven Bibliothek, die Volker Strübing in einer ausführlichen Würdigunng verschiedener Fernsehserien nebenbei erwähnt:
Die [Serie «24»] will realistisch sein in dem Sinne, dass alles was dort passiert, wirklich passieren könnte. Keine Eisbären [...]

Selbstunterhaltungsmassnahme

Dickschiffkomposita sind selten schön. Aber manchmal bieten sie einfach mehr Präzision als kurze Wörter. Zum Beispiel das Wort «Selbstunterhaltungsmassnahme», das letzte Woche in einem Konzertbericht erschien:
Das dicht zusammengedrängte Publikum ist offensichtlich ins Volkshaus gepilgert, um den Klassiker «Moon Safari» live zu hören: das merkt man daran, dass spätere Stücke nur eine verhaltene Resonanz finden – [...]

Kolumnenbeamter

In einer Flut von Kommentaren zur Kolumnenpandemie in der Schweizer Presse fand ich ein Schönes Wort:
Und Max Küng, den ich für sein Buch “Einfälle kennen keine Tageszeit” sehr gelobt habe, ist zum schlimmsten Kolumnenbeamten abgesackt (…).
Vor zehn oder zwanzig Jahren, als die Kolumne noch als Meisterstück des Journalismus galt, wäre der Kolumnenbeamte ein Oxymoron gewesen. [...]

Lebensgewässer

Auf Ricardo wurde dieser Tage ein Absinth-Wasserbrunnen versteigert. Die deutsche Artikelbeschreibung litt an inhaltlichen Fehlern, überzeugte aber mit sprachlichem Charme:
Medaille d’Argent au concours suisse des eaux de vies 2007
Geldmedaille am Schweizer Wettbewerb der Lebensgewässer 2007
Lebensgewässer ist im Moment ein Fachbegriff aus der Aquaristik, könnte aber auch als Wort für Hochprozentiges Karriere machen. Es tönt schöner [...]

Rezension: «Von Aldianer bis Zauselquote»

Der deutschen Sprache gehts dreckig. Ihr Wortschatz wird von Anglizismen zersetzt, ihre Sprecher fallen vor Fernsehkameras der Alalie anheim und ihre Grammatik verkommt zum Dativ-Genitiv-Kalauer. Das ist, kurz gesagt, die Haltung der Feuilletons.

eichenbüfetthaft

Emotionen sind oft konventionell - zumindest in literarischen Formeln. Seit Jahrtausenden gibt es den kochenden Zorn und das homerische Gelächter, den brennenden Neid und das finstere Schweigen. Neuschöpfungen sind selten und oft missglückt. Doch welche schöne Abwechslung serviert uns der Perlentaucher in seinem heutigen Feuilleton-Anriss!
Die «Welt» verteidigt Martin Mosebach gegen seine Verächter und zertrümmert mit [...]

Minissage

Eine Arbeitskollegin war gestern an der Vernissage eines Kochbuches. Der Autor ist nicht Koch, aber Semiprominenter und damit ausreichend bekannt. So schien es jedenfalls. In einem sehr grossen Saal einer grossen Buchhandlung fanden sich schliesslich der Autor, die Co-Autorin und sechs Besucherinnen. Und als die einstündige Lesung und die Signierrunde vorbei waren, sassen die acht [...]

hungerböse

Es gibt Menschen, die ohne Frühstück ganze Städte durchwandern. Menschen, die ohne Mittagessen drei Museen besichtigen. Menschen, die ohne Nussgipfel fünfstündige Wanderungen überleben. Diese Menschen leben gefährlich, wenn sie mit einem Blutzuckerschwächling unterwegs sind. Blutzuckerschwächlinge brauchen alle paar Stunden Nachschub, sonst werden sie unausstehlich. Sie verlassen Picasso für ein pain chocolat. Sie tauschen den Blick [...]