Statt fünftausend Worten:





Statt fünftausend Worten:





Das Zitat der Woche habe ich aus dem Mensa-Gespräch von «Zeit Campus» mit Roger Willemsen gefischt:
Zeit Campus: Der Physiker und Schriftsteller C. P. Snow klagt: «Jeder zählt Shakespeare zur Bildung, aber nicht den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.»
Willemsen: Stimmt, aber: Man kann die Welt durch ein Sonett von Shakespeare auf expansivere Weise erfahren als durch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.
C’est ça.
Ich war einige Tage in Hamburg und habe gesammelt. Zum Beispiel Sätze wie diese:
1. Die Angestellte einer Bäckerei nach meiner Ein-Euro-Bestellung, in einem bühnenreifen Ton: «Ausserdem?»
2. Das T-Shirt einer Verkäuferin in einem schönen Geschäft mit schlimmer Website: «ICH ENTSCHULDIGE MICH FÜR UNSERE HOMEPAGE».
3. Ein Obdachloser in der U-Bahn, eben zugestiegen, an die noch gähnenden Passagiere: «Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie anspreche. Ich möchte fragen, ob Sie vielleicht ein paar Euro für mich haben, damit ich meinen Unterhalt finanzieren kann».
So geht das.
Mein aktuelles Sommerbuch ist eine wunderbare Blödelei. «Was wir uns überlegt haben zu verschiedenen Themen!» wurde von den Häsinnen Supatopcheckerbunny & Hilfscheckerbunny verfasst. Es präsentiert die «zwanzig zentralen Themen des menschlichen und auch anderen Daseins», darunter Mode («Mode ist gar nicht so wichtig. Hauptsache, man zieht sich anständig an»), Verbrechen (alternativer Strafvorschlag: «Nur noch mit wasserlöslicher Fingerfarbe taggen dürfen») oder Aliens («Die jüngere Zivilisation grüsst zuerst»).
Für eine ausführliche Rezension ist es zu heiss. Doch für ein Amuse-Bouche reicht es. Im Artikel «Tiere & keine Tiere» werden unter anderem die folgenden Nicht-Tiere vorgestellt:
Spinnen - Garn herstellen, doof sein
Rochen - Imperfekt Plural von riechen
Taube - schwerhörige Frau
Rentier - jemand, der von den Erträgen seiner Finanzanlagen lebt
Büffel - Aufforderung zum Lernen
Robbe - Aufforderung zum Auf-dem-Bauch-Kriechen
Schwarm - Markus aus der 11a
Mops - Markus heute
Passt doch wunderbar zum Wörterbuch.
Vor der grossen Sommerpause sei der Redaktion des «Tages-Anzeiger» gesagt, dass ich mich gegen ihre unmässige Verwendung von «sich wehren» zu wehren gedenke. Denn vor lauter gedruckter Wehrgräben geht nicht nur der Zusammenhang verloren, auch die Wendung verliert ihre Aussagekraft. Wenn sich jeden Tag jemand gegen etwas wehrt, werden wir uns der völligen Sprachinflation kaum mehr erwehren können. Heute wehren sich zum Beispiel der Zürcher Uni-Klinikchef (gegen was genau?) und Irland (gegen Sarkozy). Ein Zufall? Nein, ein Mätzchen mit System. Einige Beispiele aus den letzten Wochen:
Berner Autonome wehren sich gegen «repressivere Sicherheitspolitik»
Lehrer und Schulpolitiker wehren sich.
Ronny Pecik und Georg Stumpf wehren sich dagegen, über OC Oerlikon die Kontrolle zu verlieren.
Die UBS will sich mit rechtlichen Mitteln gegen die Klage wehren.
SRG-Walpen wehrt sich gegen Uefa-Zensur
Ich wehre mich, du wehrst dich, wir wehren uns. Dann muss niemand mehr dementieren, abstreiten, bemängeln, rügen, sich verwahren, etwas vorkehren, abwenden oder verhindern, und schon gar nicht blockieren. Wehrhafte Schweiz! Die soziologischen Abhandlungen über die Hintergründe (Neue Igel-Mentalität? Festung Europa? Fehlerhaftes Makro «Schreibstau – bitte Default-Textbaustein einfügen»?) überlasse ich anderen. Aber eins möchte ich gesagt haben: Ich wehre mich dagegen. Im Fall.
Spanien und Deutschland kämpfen um den Meistertitel, die «Europhorie» und das «Europhoriedefizit» harren geduldig ihrer Würdigung und das Gewitter lässt immer noch auf sich warten. Ein idealer Moment, um das Zitat der Woche zu küren. Im aktuellen «Magazin» dampfplaudert die Sängerin Estelle Swaray:
Mein Leben ist manchmal ziemlich kompliziert. Um zu wissen, was ich damit meine, muss man sich bloss mein Album anhören.
Danke, nein. Wir lesen schon die ganze Zeit Bücher, deren Autoren manchmal ein ziemlich kompliziertes Leben führen.
Das VBS will neue Kampfflugzeuge testen und hebt in der Pressemitteilung forsch vom Boden der Logik ab:
Neben weiteren Kriterien, wie beispielsweise die Beschaffungskosten je Flugzeug, Instandhaltung, Anpassung der vorhandenen Infrastruktur oder die Lärmentwicklung bilden diese Flug- und Bodenerprobungen einen zentralen Eckpfeiler im gesamten Evaluationsprozess.
Na dann …
Täusche ich mich, oder werden in letzter Zeit englische Wendungen gerne scheingermanisiert? Ein aktuelles Beispiel aus dem «Tages-Anzeiger», der über das Hochwasser in Iowa berichtet:
Am Abend ging das Hochwasser zwar leicht zurück. Die Behörden liessen die Menschen aber nicht in die evakuierten Häuser zurückkehren. «Der Fluss trägt immer noch zuviel Wasser mit sich, die Lage bleibt ernst», warnte ein Sprecher des örtlichen Katastrophenschutzes.
Im O-Ton hiess das wohl: «The river is still carrying too much water.»
Die «Werbewoche» ist für Sprachgourmets nur bedingt geeignet. Häufig serviert sie ihren Lesern ein innovatives Süppchen aus nachhaltigem PR-Jargon, casually eingestreuten Buzzwords und repetitiven Wiederholungen zuvor genannter Sachverhalte, welche eingangs bereits erwähnt wurden. Zum Abschmecken werden dann noch ein paar Kalauer in die Suppe gerührt. Wenn im Wochen-Porträt zum Beispiel ein PR-Schuldirektor vorgestellt wird, der auf die brandneue Unterrichtsform namens E-Learning setzen will , lautet der Titel:
Kopf der Woche: Der E-Rektor
Haha. Der ist gut. Der ist so gut, dass die schiefen Bilder niemandem mehr auffallen. So kann der E-Rektor ungestört «das Profil [der PR-Schule] stärken». Sein berufliches Leben verläuft «in einem fast perfekten Kreis», und wenn er nach Umwegen doch noch Schulleiter wird, «schliesst sich der Kreis wieder perfekt». Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Schon nur wegen der Innovationskraft dieser Schule:
Das SPRI will darum demnächst kommunizieren, dass die Möglichkeit zum E-Learning neu für alle Kurse von der Grundausbildung bis zum Diplomlehrgang angeboten wird. Damit ist das SPRI wieder einmal Trendsetter.
Zweifellos. Die Schweizer Universitäten wissen noch nicht einmal, wie man Ieh-Lärning schreibt.
(Dank für den Hinweis an Monica)