Irgendwo auf den 692 Seiten Rumo steht das Schöne Wort «Feierabendakademie». Für die Art von Unterricht, der bei einem Bier oder einem Wein stattfindet, scheint es mir sehr passend. Aber die genaue Belegstelle und die ausführliche Würdigung kann ich leider noch nicht liefern. Da wartet eine Stadt voll träumender Bücher.
(Nebenbei: Für Germanisten gibt es in diesen Moers-Romanen hübsche Ostereier. Den Wetterbeschrieb des Bären ohne Eigenschaften zum Beispiel. Oder Doktor Kolibrils «Sie kommen».)
Im «Zeit-Magazin Leben» schreibt Adam Soboczynski über den Erreichbarkeitswahn: «Der Feierabend hat Feierabend». Seine Beobachtungen sind nicht ganz neu, einige Wörter dagegen schon. Zum Beispiel dieses:
Wie kurzmitteilungsfrei einst die Sonntage waren! Der Feierabend erstreckte sich über den ganzen langen Tag. Auch heute schläft man an diesem Tag zwar aus (…) aber spätestens am Nachmittag verschränkt sich die Faulenzerei bereits mit kleinen dienstlichen Angelegenheiten, eine Mail am Notebook auf dem Balkon, der kurze Anruf eines Kollegen in der Sonne (…).
Das Fundstück lädt zu weiteren Spielereien ein. Neben dem Flitzer «SMS» holpert die «Kurzmitteilung» zwar mit mehr Silben über die Lippen. Dafür lassen sich mit ihr mehr neue Wörter basteln. Statt von «SMS-Junkies» könnten wir von kurzmitteilsamen Menschen sprechen. Statt vom «SMS-Wahn» vom «Kurzmitteilungsbedürfnis». Und die Gesellschaft für Deutsche Sprache dürfte anstelle des Simsens das Kurzmitteilen vorziehen.
Vor allem eignet sich «kurzmitteilungsfrei» aber als Zusammenfassung von «In jenen lächerlich anmutenden Tagen, als es noch keine Mobiltelefone gab und man sich im Zug nicht einmal die neusten Klingeltöne vorspielen konnte». Und natürlich als Adjektiv für Tage, an welchen man das Telefon wieder einmal zu Hause vergessen hat.
Das Zitat der Woche stammt aus «Kopfjäger», Uwe Timms Roman über einen Aufsteiger im Hamburg der späten Achtziger:
Plötzlich musste man sich [als Käufer einer Lebensversicherung] mit sich selbst beschäftigen, mit dem Gelingen oder Misslingen des eigenen Lebensentwurfs. Was hatte man einmal gewollt? Was wollte man mal werden? Und was war man geworden? Und am Misslingen waren schuld (in der Häufigkeit ihrer Nennung): die Umstände, die Frau, die Kinder, die Eltern, die Schule. Man war nicht der, der man gern sein wollte – und den sollte man jetzt auch noch für viel Geld versichern.
Nachdem in der Presse unlängst das Schweizerdeutsch gewürdigt wurde, berichtet die «NZZ» heute über das Patois, «die verstummende Stimme der Romandie». Dabei geht es um den «Glossaire des Patois de la Suisse romande», welcher dem schweizerdeutschen Idiotikon entspricht sowie um den «Atlas linguistique audio-visuel du francoprovençal valaisan», der sich auf das französischsprachige Wallis konzentriert:
Wenn man auf diesem faszinierenden Atlas die entsprechende Sequenz auf dem Bildschirm anklickt, so kann man die Patois-Sprecher hören und auch sehen, während gleichzeitig auf dem Bildschirm eine Transkription des Gesagten auf Patois sowie eine französische Übersetzung abläuft. Mit dieser Methode hoffen die «ALAVAL»-Forscher nicht nur den Wortschatz der Dialekte, sondern auch den Satzbau, die Grammatik und die Art des Redens festzuhalten. Informatik und audiovisuelle Technologien erweisen sich einmal mehr als wahrer Quantensprung für Sprachwissenschafter.
Der Artikel ist informativ und lesenswert, Google apportiert nützliche Zusatzinformationen: Beispiele für das Fribourger Patois gibts bei Lyoba, Beispielvideos und ein Amuse-Bouche zum «ALAVAL» auf der Website der Uni Neuchâtel.
Spannende Projekte! Und auch inspirierende. Man möchte glatt das Atlas-Interface der Romands stehlen und die Prävalenz der Zürcher Vokalreduplikation erforschen (Nöhöd? Jaha? Schoho?).
Rätselraten vor der Nordsee-Filiale: Ist ein «heisser Backfisch» nun ein Oxymoron oder ein Vorgänger der «attraktiven Single-Frau»?

Der «Tages-Anzeiger» berichtet heute einmal mehr über den Zürcher Wohnungsmarkt und serviert uns ein Schlimmes Wort:
[Zweitwohnungen, teure Wohnungen für Geschäftsleute sowie die kaufkräftigen Zuzüger] verdrängen Familien aus den Trendquartieren im Zentrum Zürichs. Leisten können sich Wohnungen dort vor allem noch Singles und Doppelverdiener ohne Kinder - sogenannte Yuppies. Darum befürchtet [Mieterverbands-Präsident] Scherr eine «Yuppiesierung» Zürichs.
Ein englisches Wort als Basis, dazu die Allerwelts-Endung «-ieren» – die «Yuppiesierung» ist sowohl optisch wie lautlich eine Zumutung. Doch vor allem ist sie inhaltlich falsch: Die zwei Gruppen «Singles» und «Dinks» lassen sich nicht einfach zur Gruppe «Yuppies» zusammenfassen. Es soll ja auch kinderlose Paare geben, die ihre Trendquartierwohnung mit den Löhnen einer Sozialarbeiterin und eines Ergotherapeuten finanzieren, ganz abgesehen von den mindestens drei Zürcher Singles, die weder Rolex noch Porsche besitzen. Aber das sind nur Details. Denn die «Yuppiesierung» der Stadt Zürich impliziert einen laufenden Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Mit anderen Worten: Dass die Stadt yuppisiert wird, weil sie noch nicht yuppisiert ist. Wie bitte?
Wenn ein S-Bahn-Zug wegen einer «technischen Störung» aussteigt (können Züge auch emotionale Störungen haben?), gibt es Durchsagen. Zum Beispiel diese:
[Unbedingt gepresste Stimme] Eiiine Innnnformation zur Esss Nööööin … [Mit den Bartstoppeln am Mikro kratzen] Wegen einer technischen Störung bleibt dieser Zug in Zürich. [Rückkoppeln lassen ... Ein paar Sekunden warten ... Die Bartstoppeln vom Mikro entfernen ... Jetzt die Stimme schön entspannen!] Nächste Fahrgelegenheit nach Altstetten mit der Esss 12 auf Gleis 21.
Fahrgelegenheit tönt mindestens so schön wie Fluggerät. Ich sehe dann immer die Daltons auf der Draisine vor mir.
In der Wochenendpresse gabs gleich zwei lesenswerte Artikel zum Schwyzerdütsch. Die «NZZ am Sonntag» berichtete über das Idiotikon, das «Magazin» über die L-Vokalisierung. Etwas verständlicher formuliert: warum Hanspeter von Z. W. «hingerem Gmüesregau» und nicht «hingerem Gmüesregal» steht.
Im «Anzeiger von Affoltern» findet der geneigte Leser so manches Foul an der Sprache. Manchmal darf er sich auch amüsieren – zum Beispiel über die wild zusammengebrauten Phrasen:
Mit [Hans] Fehr [...] sagte eine Persönlichkeit zu, die bezüglich ihrer politischen Ausrichtung kein Blatt mit sieben Siegeln ist.
Eine andere «Persönlichkeit» hätte sicherlich ein unbeschriebenes Buch vor den Mund genommen. Oder wie war das noch gleich?
Der Regen wird in Romanen gern mit Klischees abgefertigt. Er trommelt an die Scheiben oder schlägt gegen sie, er prasselt sintflutartig nieder oder legt sich über schlafende Städte. Manchmal darf er auch unaufhörlich oder deprimierend sein. Überraschend ist er selten. Dies im Gegensatz zum Donner, der beispielsweise von Herrn Geiser ausgiebig gewürdigt wird.
Ja, der Regen in Romanen ist fade – ausser bei Ringelnatz, der in der «Wilden Miss vom Ohio» schreibt:
Der Herr «Ober» bemühte sich, meine schlechte Stimmung auf den nervösesten Punkt zu schrauben, durch allerhand Schikanen, die ich in vier Humoresken und eine Tragödie zu verwandeln gedenke. Dann allmählich schlief er am Zeitungsständer ein. Und nun war es still in der leeren Halle. Nur ein melancholischer Landregen nässelte an den Fensterscheiben.
Kann man einem sachte nässelnden Regen ernsthaft böse sein? Dazu noch einem melancholischen Landregen? Ich glaube es nicht. Und bevor jemand fragt, sei die Frage gleich geklärt:
Ein Landregen ist ein langandauernder Dauerregen, der das Land großflächig erfaßt! Stadtregen gibt es nicht! Das Gegenteil ist eher ein Schauer!
Landregen und Schauer – die einen nässeln, die anderen hässeln. Auf heitere Tage!