Dickschiffkomposita sind selten schön. Aber manchmal bieten sie einfach mehr Präzision als kurze Wörter. Zum Beispiel das Wort «Selbstunterhaltungsmassnahme», das letzte Woche in einem Konzertbericht erschien:
Das dicht zusammengedrängte Publikum ist offensichtlich ins Volkshaus gepilgert, um den Klassiker «Moon Safari» live zu hören: das merkt man daran, dass spätere Stücke nur eine verhaltene Resonanz finden – und dass die meisten Zuhörer und Zuhörerinnen nicht so recht wissen, was sie zum einlullenden Wohlklang mit sich anstellen sollen. Als einige im Parkett Pogo tanzen, sieht das wie eine verzweifelte Selbstunterhaltungsmassnahme aus.
Selbstunterhaltung, dazu noch Massnahme – am Wortende fehlt nur die gelbe Flagge «Vorsicht, schwenkt aus!». Doch die Länge ist gerechtfertigt. Unterhaltung wird heute lieber konsumiert als selbst geschaffen. «Ich habe mich gut unterhalten» – das heisst meist «Das Programm war in Ordnung.» Die Selbstunterhaltung schafft deshalb mehr Klarheit: Ich habe mich nicht passiv unterhalten lassen, sondern mich selbst um meine Unterhaltung gekümmert. Die angehängte «Massnahme» relativiert diese Unterhaltung gleich wieder. Denn die Selbstunterhaltung ist nicht auf der Höhe eines brillianten Salongesprächs, sondern dient dem Zeitvertrieb.
Mit dieser Arbeitsdefinition steht der Selbstunterhaltungsmassnahme eine kleine, aber respektable Karriere bevor. Zumindest in meinem Wortschatz. Denn ich weiss jetzt endlich, wie das merkwürdige Verhalten vieler Menschen an Tramhaltestellen zu bezeichnen ist. Der Blick aufs Handy, das Exegieren von Gratiszeitungen, das konzentrierte Drehen am iPod-Rad – nicht Kontaktverweigerung, nicht Xenophobie und auch nicht Zeittotschlag. Sondern Selbstunterhaltungsmassnahmen.
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