Das Gratis-Modeheft «adress» erheiterte mich mit seinem bierernsten Schwurbel auf vielfältige Weise. Es brachte mir zum Beispiel «Manschetten und Krawatten als [den ultimativen] Ausdruck des guten Geschmacks» näher. Es verkündete mir das Evangelium des Heimatkitsches: «Der Gipfel des Matterhorns: Allein sein Anblick ringt uns den Respekt ab, den der Berg verdient hat. Damals, heute und für alle Zeit.» Und den nötigen Respekt vor seiner Sprachmacht hämmerte mir der Chefredaktor in seinem Editorial nochmals extra ein, heute, morgen und für alle Zeit:
Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Das Erstaunliche an scheinbar abgedroschenen Stehsätzen ist, dass in ihnen doch meist einiges an Wahrheit steckt.
Und das wurde auch so gedruckt. Abgedroschener Stehsatz - geht doch. Aber ich will asap zum Highlight der neuen Ausgabe switchen: Die Ansichten der Chefeinkäuferin verdienen ein genaues Studium, eventuell auch die Aufnahme in ein Anglizismenkorpus:
«Mein Lieblingsoutfit für den Winter ist das eines Mannes, der sich wirklich zurechtmacht, der Spass am Dressing up hat. Es gibt so tolle, hochelegante Highlights in den Kollektionen der Designer.»
(…)
«Dressing up ist absolut en vogue»
(…)
«Der perfekt gedresste Mann ist einfach im Trend.»
(…)
«Ein schönes Hemd, eine cleane, dark denim Jeans, die nur wenig gewaschen ist, dazu ein slim gefitteter Samt-Veston – das ist ein wirklich gelungenes Outfit, mit dem man bei vielen Anlässen passend angezogen ist»
Nein, es stimmt: Auf gut Deutsch lässt sich so etwas gar nicht sagen.
Comments 11
Mit “Dressing” meint die aber “Salat-Soß”, oder?
Posted 08 Nov 2007 at 13:03 ¶Klar. Das passt dann auch optimal zum slim gefitteten Salz-und-Pfeffer-Anzug.
Posted 08 Nov 2007 at 13:18 ¶Ich stells mir äusserst schwierig vor, dass die “dark denim”-Jeans über längere Zeit “clean” bleibt, wenn sie doch nur selten gewaschen werden darf. :-Þ
Posted 08 Nov 2007 at 14:01 ¶Das ist ja genau das Problem der schludrigen Sprache: Sie lässt uns raten, was wohl gemeint war.
Ich vermute, dass sich “wenig gewaschen” auf die Optik und nicht auf die Hygiene bezieht. Es ginge also um die Farbgebung, z. B. mittels “enzymatischem Stonewash”
http://www.gardeur.de/public_de/default.aspx?pduid=pag_20051205T174438258
Ob so was clean ist?
Posted 08 Nov 2007 at 15:29 ¶;-)
Hab ich schon auch so interpretiert. Aber die ganze Aussage der Dame war so aufgeplustert, dass ich nicht umhin konnte, das ein bisschen durch den Kakao zu ziehen. Und, Fazit bleibt leider, die Optik leidet doch sehr bei dark denim Jeans, nur schon nach wenigem Waschen. Aber die Dame will ja verkaufen (!) und darum: immer wieder mal neue dark denim Jeans her, clean und wenig gewaschen.
Posted 08 Nov 2007 at 18:07 ¶Genau. Und wenn diesen Herbst slim gefitte Hosen in sind, werden es nächstes Jahr gewiss loose gefittete sein müssen.
Posted 09 Nov 2007 at 8:10 ¶Ach wie war die Zeit noch schön als Mann Hosen, Hemden und Jacken anhatte und die Frau sich mit Röcken und Kleidern begnügte.
Posted 12 Nov 2007 at 18:31 ¶Ein Hut, ein Kopftuch - das war’s!
Jetzt stelzen sich alle Wichtigen der Welt auf und werden doch keine besseren Menschen dadurch. Ob nun mit unheil- aber schwer eindrucksvollen Anglizismen aufgepimpt oder auf zweifelhaften Modewellen schwimmend: Im Inneren zeigt sich der Mensch!
EfKa
Ich halte dagegen: Kleider machen Leute.
Posted 12 Nov 2007 at 21:17 ¶Genau den Spruch hatte ich erwartet!
Posted 13 Nov 2007 at 6:28 ¶Das sind aber die gleiche Art Kleider, die der Kaiser rumträgt: Alle sagen: “Sie haben aber schöne Kleider” und wissen und sehen: er ist nackt.
Kleider können schon Leute machen aber keine Menschen oder Personen; sondern nur Büttel der Modeindustrie oder “Gesellschaftsindustrie”, die dann überall wie Paviane durch die Lande, Glitzerzeitschriften oder TV-Berieselungen stolzieren.
Den Satz: “Kleider machen Leute” benutzen findige Werbestrategen um jeden Scheiss an den Mann oder die Frau zu bringen. (Verkaufspsychologie = etwas im Selbstwertgefühl des Käufers verankern, dann kann man es IMMER verkaufen)
Guten Morgen!
Da bin ich anderer Meinung. Die findigen Werbestrategen können uns ihre Ware ja gerade nicht mit einfachen Sprüchen andienen, sondern müssen sich sprachlich bis zu den cleanen darken Jeans verkrümmen. Deshalb tönen ihre Sprüche auch so angestrengt. Das altmodische «Der Anzug steht ihnen prächtig!» mag ebenso geheuchelt gewesen sein. Aber wenigstens wurden nicht die ganzen Modewörter in einen einfachen Satz verklappt, und die Sprache glich einer nicht zu sehr gewaschenen Nietenhose …
Posted 13 Nov 2007 at 19:10 ¶Das Problem ist ja viel gefährlicher:
Wir brauchen eigentlich das Zeug gar nicht, was die uns verkaufen.
Die Mehrzahl der Leute bilden sich ein: Dies oder das “brauchen” sie! Errare hummanum est!
Den “Anzug” hat man auch Jahrlang angezogen, weil er ebenso lange gehalten hat. Jetzt sollen wir uns ja was neues kaufen obwohl wir es gar nicht brauchen!
Diese von Ihnen zitierten “carwashtrousers” sind einfach auf dem Mist des “Übertriebenen” gewachsen: “Geiz ist geil” oder “Ich bin doch nicht blöd”
Normalerweise müsste es den Tatbestand der “Volksverdummung” geben mit minimaler Strafe: Den Tod durch 365tägige Werbeberieselung auf Guantanamo!
Da fällt mir dazu der gute alte Erich ein - Kästner nicht Honecker!
Posted 13 Nov 2007 at 19:31 ¶“Nie soll man so tief sinken, den Kakao, durch den man gezogen wird, auch noch zu trinken. ”
Und die entwickelte Welt sitzt im Kakaotopf und trinkt das Zeug - weil es gibt keinen mehr gibt, der euch da herauszieht!
Traurig aber wahr!
EfKa
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