Rezension: «Von Aldianer bis Zauselquote»

Der deutschen Sprache gehts dreckig. Ihr Wortschatz wird von Anglizismen zersetzt, ihre Sprecher fallen vor Fernsehkameras der Alalie anheim und ihre Grammatik verkommt zum Dativ-Genitiv-Kalauer. Das ist, kurz gesagt, die Haltung der Feuilletons.

Der deutschen Sprache gehts prächtig. Sie kann nicht nur die englischen Wörter verkraften, sie bildet auch ständig neue Zusammensetzungen. Und wenn auch nicht alle davon den Monat überdauern werden, stirbt die Hoffnung doch zuletzt. Das ist, kurz gesagt, die Aussage der Wortwarte, die der Germanist Lothar Lemnitzer seit sieben Jahren betreibt. In seinem neuen Buch «Von Aldianer bis Zauselquote» stellt Lemnitzer nun fünfzig dieser Wörter vor, erklärt, wie neue Wörter gebildet werden können und beschäftigt sich schliesslich mit dem Gespenst der Anglizismen.

Eines der fünfzig Beispiele ist die Community, ein scheinbar überflüssiges englisches Wort. Doch wie ist die Community überhaupt einzudeutschen? Ist sie eine Gemeinde? Nein, denn ihre Mitglieder fühlen sich nicht durch einen Glauben oder eine Sportmannschaft verbunden, sondern durch ein gemeinsames Interesse. Ist die Community also eine Szene? Nein, denn ihre Mitglieder besitzen kein spezielles Wissen oder Können. Fazit: Die Community «trägt zum Sprachausbau bei», weil sie Bedeutungen abdeckt, die der «Gemeinde» oder der «Szene» abgehen; und sie wird diese beiden Wörter «nicht verdrängen, sondern in sinnvoller Weise ergänzen.»

Neben den englischen Importen behandelt Lemnitzer auch Bastarde wie das «Flatratesaufen» und astrein deutsche Neologismen wie den «Problemlösungsbär» Knut oder die «Zahnbörse» (eine Art Ebay für Gebisse).
Der zweite Teil des Buches widmet sich den neuen Wörtern an sich. Wie entstehen neue Wörter? Wozu brauchen wir sie überhaupt - und dann erst noch so viele? Wenn sich unsere Welt ändert, meint Lemnitzer, muss sich auch unsere Sprache ändern, um diese Welt abbilden zu können. Das Tonband ist gestorben, deshalb brauchen wir «umspulen», «Tonkopf» und «Bandsalat» nicht mehr. Doch in der Welt des Internets müssen wir die Dinge beim Namen nennen können: «Browser», «herunterladen» und «surfen» sind nicht einfach hässliche Englisch-Importe, sondern notwendige Wörter.

Im nächsten Kapitel gehts dann um die Wurst: Nach einer kurzen, übersichtlichen Einführung in Affixe, Kompositionen und Konversionen wird am Beispiel der «Ampel» der ganze Wortbaukasten eingesetzt. Beampelte Kreuzungen, zugeampelte Strassen, ampelresistente Autofahrer - wer sich das halbe Dutzend Regeln für korrekte Wortbildung aneignet, kann am nächsten Apéro zünftig Eindruck schinden.

Im dritten und letzten Teil geht Lemnitzer schliesslich auf die Anglizismusdebatte ein. Sein Fazit: Verglichen mit den Wortbestandteilen, die aus dem Lateinischen entlehnt wurden und werden, sind die englischen Spurenelemente minim. Häufig werden Anglizismen als Synonyme oder weitere Differenzierung verwendet (vgl. «Kinder», «Kids» und «Jugendliche»). Zudem werden die englischen Importe in Aussprache und Flexion an deutsche Regeln angepasst («downloadbar»). Für meine Augen und Ohren ist dieses Verfahren nicht unbedingt schön. Doch in ihm zeigt sich laut Lemnitzer die Robustheit der deutschen Sprache. Wir sprechen zwar vom «Chatten», würden aber nie zum «Luftholing» greifen.

Fazit: Für zehn Euro bietet das Buch nicht nur neologistische Kurzweil, sondern auch eine solide Einführung in den Neuwortschatz. Wer kein weiteres Mahnfingerbuch zum Zerfall der deutschen Sprache lesen will, ist mit den «Aldianern» gut bedient.

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *