belernen

Im heutigen «Tages-Anzeiger» wird über das neue Turn-, Musik- und Mediothekgebäude der Gymnasien Rychenberg und Im Lee berichtet. Im Text findet sich ein auffälliges Verb:

Es ist Mittag: Die Jugendlichen fläzen sich auf dem Fenstersims und in den Fauteuils, sie schauen Filme, und die Fleissigen sind oben am Mac und am Arbeiten. «Doch, schön», sagen sie zum neuen Haus, das sie seit einigen Wochen belernen. «Nur etwas gar viel Beton», meint eine.

Zunächst wollte ich belernen als Schlimmes Wort brandmarken - und zwar wegen seiner Verwandschaft zu den hässlichen Verben Begrünen, Befüllen und Betexten. Ein Blick ins deutsche Rechtswörterbuch hat mich eines Besseren belehrt. Denn belernen ist kein neu betextetes Verb, sondern ein Oldtimer, der schon von Luther verwendet wurde. Der Ausdruck bedeutet «sich unterrichten» und ist reflexiv.

Welchen Vorteil bringt uns belernen im Sprachgebrauch? Vielleicht eine grössere Bereitschaft, sich etwas Neues anzueignen. Wer sich nicht gerne belehren lässt, mag sich wenigstens belernen. Und statt des streberverdächtigen «Ich muss lernen» sagen wir in Zukunft einfach: «Ich belern mich noch rasch.»

Comments 8

  1. DrNI wrote:

    Ich geh mich gleich mal voll fett krass abbelernen, Alter!

    Posted 05 Okt 2007 at 16:56
  2. Anna wrote:

    Danke für die Belernung - oder kann man das gerade nicht sok koknstruieren?

    Posted 05 Okt 2007 at 18:56
  3. Anna wrote:

    so konstruieren, natürlich :-)

    Posted 05 Okt 2007 at 18:57
  4. A.S. wrote:

    Bei belernen als reflexives Gegenstück zu belehren ist nachvollziehbar. Auch ein sinnvolles transitives belernen habe ich gefunden: „ein Neuronales Netz konstruieren, mit dem Backpropagation-Algorithmus belernen und mit einem genetischen Algorithmus optimieren“. In beiden Fällen drückt das Präfix eine Art resultative Bedeutung aus.

    Bei ein Gebäude belernen sieht es anders aus. Das scheint zunächst eine komplett misslungene Analogiebildung zu „bewohnen“ zu sein. Aber andererseits kommt das Präfix be- von althochdeutsch bi (mit langem i), also „um etw. herum“ (diese Herkunft teilt es mit der Präposition bei). Es ist also gar nicht unplausibel, dass es eine örtliche Bedeutung ausdrückt, und der Stamm dann dasjenige bezeichnet, was am entsprechenden Ort getan wird.

    Aber trotzdem klingt es irgendwie gewollt neckisch. Mit der Sprachgeschichte kann man eben auch nicht alles entschuldigen…

    Posted 07 Okt 2007 at 0:10
  5. Ronnie wrote:

    Da kann man nur darauf hoffen, dass das Haus richtig schlau ist, nachdem es derart ausführlich belernt wurde.

    Posted 07 Okt 2007 at 16:58
  6. Michael Staub wrote:

    @ DrNI
    Respect!
    @ Anna
    Die Belernung ist sicher legal. Aber dank doch gleich dir selbst, nicht mir (sonst wärs eine altmodische Belehrung gewesen) ;-)
    @ A.S.
    Ich finde das belernte Gebäude auch etwas unplausibel. Aber wenigstens hats das Verb in die Zeitung geschafft. Quizfrage: War das jetzt ein eingebetteter Germanist oder ein Lesefehler im Lektorat?
    @Ronnie
    Noch nie was von intelligenten Gebäuden gehört? ;-)

    Posted 08 Okt 2007 at 9:40
  7. mariechen wrote:

    Mein schulisches Leben hat einen neuen Sinn, kann ich mich doch jeden Tag von neuem belernen. Sehr schön! ;)

    Posted 09 Okt 2007 at 10:40
  8. Michael Staub wrote:

    Du belernst dich, statt zu büffeln? Gratuliere - dann rückt die Matur schon wieder ein Stück näher :-)

    Posted 09 Okt 2007 at 10:52

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *