Es gibt heute nur noch wenige Laster. Zum Beispiel die Ziellosigkeit: Wer auf Zusehen lebt, wer kein «Projekt» hat und es Arbeit nennt, wer nicht weiss, wann es Zeit für die erste Hypothek oder den letzten Bus ist, macht sich der Antriebsarmut verdächtig und ist ein Zielloser. Wie aber heissen die Nicht-Ziellosen? Sind sie Zielbesitzer? Zielstrebige? Zielgesteuerte? Nein, viel schöner:
Nachdem sie noch einige Male auf das Entehrende dieses allzu leichten und niedrigen Zieles hingewiesen hatten, versprachen die jungen Leute die Ersteigung des Schröckenspitz oder besser noch des Grossen Priel für einige Tage zu verschieben, denn Dilettanten wollten sie sich nicht schimpfen lassen. Dilettant heisst zu deutsch Liebhaber. Der moderne Mensch aber ist kein Liebhaber, sondern ein Zielhaber. Für den Auslauf also mochte der Kroatenkogel genügen. Am frühen Nachmittag wollte man wieder daheim sein.
(Franz Werfel: Der veruntreute Himmel, S. 84)
Auf die nächste Frage nach Motivation, Ehrgeiz, Absichten, Plänen, Wünschen reicht damit ein knapper Satz: «Ich bin ein Zielhaber.»
Comments 4
In Oesterreich waere das ein Zielhaberer.
Posted 14 Aug 2007 at 15:59 ¶Hmm. Werfel war doch Österreicher?
Posted 14 Aug 2007 at 16:31 ¶Schade nur, wenn man vor lauter Zielhaben nicht mehr dazu kommt, über seine Ziele nachzudenken.
Posted 16 Aug 2007 at 0:05 ¶Stimmt. Das dürfte die Zielhaber aber kaum stören.
Posted 16 Aug 2007 at 7:54 ¶Post a Comment