Auf der Frontseite von «Alpha», dem Kader-Stellenmarkt des «Tages-Anzeigers», wird gern Wortstroh gedroschen. Jede Woche beglücken uns die Wichtigen der Wirtschaft mit ihren vermeintlichen Erkenntnissen - und das entweder im Ton der absurden Management-Bücher («Zieh dem Elefanten keine Socken an») oder der gehobenen Heissluftproduktion («Wichtigkeit von Motivationsfaktoren für die innerbetriebliche Zufriedenheitsverbesserung»). Letzte Woche blieb mein Auge nun an einem Artikel von Bettina Büchel über strategische Initiativen hängen. Strategische was?
Bei der Antwort auf die Frage, wie sich herkömmliche Projekte von strategischen Initiativen unterscheiden, rückt immer wieder die strategische Bedeutung, die Komplexität der Initiative sowie die Notwendigkeit einer grossen Gruppen von Stakeholders zu motivieren, in den Vordergrund.
Eine unnötige Schleife, ein Verb, das nicht mit seinen Subjekten übereinstimmen und ein Fallfehlers in einem einzigen Satz - aber das sind Details. Anscheinend ist eine «strategische Initiative» etwas Wichtiges, für das viele Leute motiviert werden müssen. Und was noch?
Projektmanagementfähigkeiten stellen nur einen Teilaspekt der Erfolgsfaktoren dar.
«Teilaspekt der Erfolgsfaktoren» ist Sprachkrebs. Den «Erfolgsfaktor» nehmen wir noch hin, weil heute alles faktorisiert werden darf. Der «Aspekt» ist übles Gymnasiendeutsch («Ich finde, dass das auch noch ein … ääh … Aspekt ist»). Aber der «Teilaspekt» des «Faktors» ist die sprachliche Kapitulationserklärung. Weshalb so kompliziert? Weil «Gutes Projektmanagement ist wichtig, aber garantiert noch keinen Erfolg» von zu vielen verstanden würde?
Unter dem schmerzhaften Titel «Eigenständige Credos» geht es dann weiter. Das «Credo» heisst wörtlich «ich glaube», es ist also ein Glaubenssatz oder Wahlspruch. Wer aber nichts Eigenständiges von sich gibt, äussert kein Credo, sondern eine Parole. A propos Parolen, hier sind wir richtig:
Strategische Initiativen starten mit Fokus.
Fokussieren. Scharfstellen. Falls nicht auf etwas fokussiert wird, fokussieren wir einfach ins Unendliche. Ganz wie beim Fotografieren.
In dieser ersten Phase der Auswahl von Initiativen spielt die Rolle des Management-Teams eine entscheidende Rolle; bei ihm liegt die Verantwortung für Prioritäten und die Selektion strategischer Initiativen.
Alles klar? Nicht das Management-Team ist wichtig, sondern seine Rolle, die eine entscheidende Rolle spielt. Interessant auch ein weiterer Teilaspekt: In der «Auswahl» geht es um «Selektion». Wer gern mit Fremdwörtern um sich schmeisst, riskiert redundante Aussagen.
In diesem Stil geht es noch lange weiter. Und auch die unfreiwillige Komik bleibt uns erhalten. Unter dem Titel «Fokus auf Stakeholder» (wer kann in einem Satz erklären, was ein Stakeholder ist?) lesen wir:
Unsere Forschungsarbeit zeigt, dass ungenaue Formulierungen häufig an der Tagesordnung sind.
Das zeigt sie tatsächlich.
Comments 3
Ich bin momentan daran einen Text aufzublähen - ungern, aber in der Textwelt kommt es auf die Länge an. Vielleicht liesse sich die Entstehung vieler Texte, die von wortsensiblen Kritikern beanstandetet werden, mit ähnlichen Umständen erklären.
Posted 09 Aug 2007 at 20:06 ¶Ich beneide die Journalistin, um ihre Fähigkeit zu schwurbeln :).
Na, dann wünsche ich gutes Gelingen und möglichst wenig Blähungen. Texte kann man ja auch durch mehr Infos, mehr Beispiele oder genauere Erklärungen strecken, aber ich nehme an, diese Möglichkeiten werden dir verwehrt. Das ist noch nicht etwa rein zufällig ein akademischer Text?
Posted 10 Aug 2007 at 14:16 ¶;-)
Manueller Trackback:
http://woerter.germanblogs.de/archive/2007/08/15/ehrlichkeit-ist-regional.htm
Posted 16 Aug 2007 at 8:59 ¶Trackbacks & Pingbacks 2
[...] Die Wichtigkeit der Rolle für die Rolle (wortreich.nightshift.ch) Auf der Frontseite von «Alpha», dem Kader-Stellenmarkt des «Tages-Anzeigers», wird gern Wortstroh gedroschen. Jede Woche beglücken uns die Wichtigen der Wirtschaft mit ihren vermeintlichen Erkenntnissen - und das entweder im Ton der absurden Management-Bücher («Zieh dem Elefanten keine Socken an») oder der gehobenen Heissluftproduktion («Wichtigkeit von Motivationsfaktoren für die innerbetriebliche Zufriedenheitsverbesserung»). Letzte Woche blieb mein Auge nun an einem Artikel von Bettina Büchel über strategische Initiativen hängen. Strategische was? [...]
[...] Sprachkrebs Auf die Drastik, die man durch Übertragung der Menschheitsgeißel Krebs auf außermedizinische Bereiche erreicht, wurde hier bereits hingewiesen - genauso wie auf die Heikelkeit (oder wie heißt sonst das Substantiv zu heikel?) dieses Unterfangens. Beide Aspekte finden sich jetzt in einem Beitrag des Monarchen des Wortreichs, der einen Text aus dem Stellenteil der Züricher Tagesanzeigers völlig zurecht zerfetzt, dabei aber zur Krebsmetapher greift: “«Teilaspekt der Erfolgsfaktoren» ist Sprachkrebs.” [...]
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