Anglizismen reloaded

Als der «Spiegel» letztes Jahr «dem Deutsch» retten wollte, bediente er sich wackliger Argumente und einer grauslichen Sprache. In der «Zeit» finden wir heute einen besseren Versuch: Jens Jessen wettert in seinem Manifest «Die verkaufte Sprache» nämlich nicht über Werbeslogans, sondern über die Grossmannssucht, die hinter dem Gebrauch dämlicher Denglisch-Wörtchen steckt:

[Der Importeur englischer Leerformeln] will angeben mit der frisch erworbenen Kenntnis, er kehrt ins verschnarchte Dorf seines Ursprungs zurück und brilliert dort im Glanze seiner Glasperlen (…). Die Undeutlichkeit und die Euphemismen des Business-Englisch sind kein Mangel, sie sind die Voraussetzung des betrügerischen Tuns. So werden dem Trainee (deutsch: Lehrling) die Karriere-Optionen eröffnet (deutsch: Hoffnungen gemacht), zum Asset Manager (deutsch: Kaffeekocher) aufzusteigen. (…) Der Business-Schwafler will uns ein X für ein U vormachen.

Und wie kommen wir da wieder raus?

Es liegt in der Macht jeden einzelnen Sprechers, die Zukunft des Deutschen zu gestalten. Das unterscheidet marodes Deutsch etwa von einem maroden Kernkraftwerk, das nur Experten reparieren können. Das Deutsche wird nicht sterben, es sei denn, die Deutschen wollen es. Es sei denn, sie kapitulieren vor der Werbung, vor der Geschäftssprache, vor dem kollektiven Hass auf alles Komplizierte, den die Medien nähren.

Das marode Deutsch als leckendes Kernkraftwerk - das ist ein stimmiger Vergleich. Die vielen Schlimmen Wörter, die uns jeden Tag auf den Kopf prasseln, sind ja wirklich sprachlicher Fallout.

Comments 6

  1. unkultur wrote:

    Auch ich ertappe mich beim Sprechen, beim Schreiben von E-Mails (Verzeihung, von elektronischen Nachrichten) und sogar beim Verfassen von Blog-Einträgen immer wieder dabei, dass ich unnötige Anglizismen verwende. Es gibt Wörter wie beispielsweise “E-Mail”, die sich nicht mehr aus unserem Sprachgebrauch entfernen lassen. Aber weshalb muss ich sagen, ich gehe an ein Meeting, wenn es sich doch einfach um eine Besprechung handelt! Ein “Date” hat zwar keine elegante Entsprechung im Deutschen, lässt sich aber wunderbar mit dem französischen Rendez-vous ausdrücken, und ein “Ticket” war früher ein Billet (für uns Schweizer jedenfalls). Wir hatten schon immer vereinzelt fremde Wörter in unserer Sprache, aber das Englische untergräbt langsam auch Satzstrukturen und Bedeutungen. Immer wieder wird das Wort “realisieren” in der Bedeutung von “begreifen” statt von “umsetzen” verwendet. Deutsche Formulierungen sind manchmal umständlicher als englische - aber stehen wir zum Umständlichen!

    Posted 29 Jul 2007 at 13:38
  2. unkultur wrote:

    P.S. Und, das kann ich mir nicht verkneifen, “Nightshift” ist doch gleichbedeutend “Nachtschicht”, oder etwa nicht? ;-)

    Posted 29 Jul 2007 at 14:44
  3. Michael Staub wrote:

    Anglizismen im Deutschen sind ein anerkanntes Forschungsgebiet. Anglizismen im Schweizerdeutschen fallen den meisten nicht einmal auf. Ich stimme dir zu, dass wir im Schweizerdeutschen häufig ohne Not ein englisches Wort gebrauchen, und zwar selbst für triviale Verben (mir chöi no phone usw.). Vermutlich lässt sich dieser Prozess nicht mehr canceln, denn das «Meeting» und der «Lunch» verleihen halt selbst Pesche Normalbürger einen Hauch von globalisierter Wichtigkeit.
    Wenn es aber um Satzstrukturen und Bedeutungen geht, höre ich viel öfter deutsche als englische Muster. Zum Beispiel fallen mir immer wieder Sätze auf, die unnötig gestelzt daherkommen. Statt zu sagen: «Geits no, so redsch du aso nid mit mir» schwurbelt zum Beispiel die Mutter zum Teenager-Sohn: «Aso bitte, merksch du eigentlech nid, dass di Ton mir gägenüber völlig unabracht isch?». Das ist eine hässliche Mischung aus Betroffenheitslyrik und Serien-TV. Oder statt zu sagen: «Das isch haut ä Fähler, won ig immer wieder mache» sagt ein kaum Zwanzigjähriger: «Das isch haut scho so ne Problematik, wo mir irgendwie immer wieder begägnet». Das läuft nicht einmal unter jugendlichem Übermut, sondern ist vorzeitige sprachliche Vergreisung. Wenn ich solche Sätze höre, fallen die paar englischen Brocken dann auch nicht mehr ins Gewicht …

    Posted 29 Jul 2007 at 16:40
  4. Michael Staub wrote:

    Und noch zu deinem PS: Natürlich ist die Nightshift nichts weiter als eine Nachtschicht. Die war aber bereits besetzt, als ich einen Domainnamen brauchte.

    Posted 29 Jul 2007 at 16:41
  5. Yurtdisi Egitim wrote:

    does anyone knows if there is any other information about this subject in other languages?

    Posted 27 Feb 2008 at 8:20
  6. Michael Staub wrote:

    You may want to look at his:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Denglisch

    Posted 28 Feb 2008 at 9:55

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