Schön, wenn einem beim Durchblättern der Zeitung ein authentisches Degen-und-Mantel-Wort entgegenhüpft:
Der Vulgäre ist zugleich unanständig, unhöflich und taktlos. Ein Ehrenmann will sich selbst in die Augen sehen können, der Höfliche erspart anderen die eigenen Regungen.
(«NZZ» vom 28. April)
Die Ehrenmänner sind bekanntlich ausgestorben. Heute reicht es, die volle Verantwortung zu übernehmen.
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Vor allem wird das Wort hier auch noch falsch gebraucht: Die ‘Ehre’ ist nämlich gar keine Individualeigenschaft, sie haftet immer an einer Gruppe: An der Familie, der Gangsterbande, der Korporation, dem Stamm, der Kompanie. Ein ‘Ehrenmann’ kann daher nur jemand sein, der dies in den Augen von anderen ist, weil er sich gruppenkonform verhält. Er wahrt die Ehre seines Kollektivs. Ob jemand ‘sich selbst in die Augen sehen kann’, ist für das Konzept ‘Ehre’ unerheblich: Ein junger Mann, der seine Schwester umbringt, der also einen ‘Ehrenmord’ begeht, ist immer nur der Arm von etwas Größerem als er selbst. Vielleicht bringt er sich anschließend sogar um, weil er sich selbst danach nicht mehr in die Augen gucken konnte, die ominöse Ehre der Familie hat er trotzdem bewahrt.
Posted 10 Mai 2007 at 23:02 ¶Post a Comment