Gründeln

Es gibt Wörter, die weder «veraltend» (Duden-Rede) noch anachronistisch sind, wegen der zunehmenden Verflachung des Wortschatzes aber kaum mehr gebraucht werden. Begnet einem dann ein solches Wort, zum Beispiel beim Lesen des wunderbar durch die Sprache mäandrierenden Heimito von Doderers, wird der Unterschied zwischen aktivem und passivem Wortschatz wieder einmal klar:

Ihre Hand tauchte, wie der Hals eines gründelnden Wasservogels, unter der Decke hervor und stiess schnabelartig mit gerecktem Zeigefinger senkrecht von oben auf einen Klingelknopf am Tischchen neben ihr.
«Das Jahrbuch 1921», sagte sie zu dem Mädchen.
Es kam ein kleiner Band in rotem Leder.

(«Ein Mord den jeder begeht», dtv, S. 240.)

Die mit gründeln beschriebene «Nahrungsaufnahme vom Boden eines Gewässers» (vgl. dazu den Wikipedia-Eintrag) scheint übrigens keine englische Entsprechung zu haben (The act of gathering food from the bottom of a body of water?). Jedenfalls keine einprägsame. Vorschläge werden gerne in den Kommentaren entgegengenommen.

Comments 7

  1. PAX wrote:

    mir ist, als hätten wir als kind ‘gründeln’ auch für das fischen auf grund benutzt.

    Posted 20 Okt 2006 at 21:01
  2. Michael Staub wrote:

    Das kann gut sein. Ich habe leider weder Fischer-Erfahrung noch das «Idiotikon» zur Hand. (was keine Beleidigung, sondern das Schweizer Mundart-Wörterbuch ist.) Wer kann weiterhelfen?

    Posted 20 Okt 2006 at 21:14
  3. Chat Atkins wrote:

    Soso - und ich dachte immer, das Verb «gründeln» bezeichne die berufliche Arbeit deutscher Philosophieprofessoren.

    Neulich sagte mir jemand, mein Hund könne «flämen». Plötzlich kam mir mein Wortschatz nur noch halb so groß vor …

    Posted 22 Okt 2006 at 12:44
  4. Michael Staub wrote:

    Mit dieser Hypothese hast du natürlich auch recht. Wo kämen wir auch hin, wenn Worte nur eine Bedeutung haben dürften?

    Das Flämen kenne ich auch nicht. Höchstens Flehmen, aber das wirds ja wohl nicht sein …

    Posted 22 Okt 2006 at 13:03
  5. Chat Atkins wrote:

    Doch, doch, dieses Flehmen meine ich - nur zieht mein Hund diese betörenden Düfte durch die Lefzen an der Seite seines Mauls ein. Wegen des seltsamen Gesichtsausdrucks, den er dabei macht, vermutete ich, es hätte etwas mit der Mundstellung zu tun, die ein Flame einnimmt, wenn er sein heimatliches Idiom spricht. Nachgeschlagen hatte ich’s noch nicht …

    Posted 23 Okt 2006 at 13:00
  6. Michael Staub wrote:

    Mit solchen Bemerkungen riskierst du unter Umständen, dass ein Flame zum Nachschlagen vorbeikommt. Das wäre dann ein hand-on-Erlebnis im wörtlichsten Sinn.

    Posted 23 Okt 2006 at 21:50
  7. thomas f wrote:

    Gründeln als Abstraktum könnte anschaulich bedeuten, den Dingen auf den Grund gehen, und zwar unter der (Wasser-)Oberfläche.
    i.e. Bedeutungen, Gründe für das (eigene) Handeln suchen, die unterbewußt und damit nicht offensichtlich sind. Wie ich drauf komme?
    Zufällig neulich gemacht, blogisch.

    Posted 25 Okt 2006 at 9:48

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