Man schreibt DEUTSH

«Rettet dem Deutsch» - die kürzlich erschienene Titelgeschichte des «Spiegel» hat den Monarchen nicht nur enttäuscht, sondern auch dazu bewogen, in losen Abständen Bücher zu rezensieren, die sich der Sprachpflege (und auch dem Sprachzerfall) umfassender widmen. Den Anfang macht ein hervorragendes Buch, das mit 10 Euro auch nicht viel mehr kostet als zwei «Spiegel»-Ausgaben:

Stefan Gärtner - Man schreibt DEUTSH.

Stefan Gärtner: Man schreibt DEUTSH
Rowohlt 2006, ISBN 349962155X

Das herkömmliche Bild der Sprachpflege sieht in etwa so aus: Auf einem von Pappeln umstandenen, von stillen Weihern und gekiesten Spazierwegen umkränzten Marmorsockel steht die Deutsche Sprache (TM). Edel, stolz und unkorrumpierbar - ein Monument. Unten, am Sockel, sind derweil die sprachlichen Zerfallserscheinungen zu erkennen: PR-Texter heben frech ihr Bein, Politiker lassen immer grössere Heissluftballone steigen oder müllen den Teich mit Worthülsen zu, die B-Prominenz stottert Grammatikfehler ins Mikrofon und Chatter LOLen blöd rum.

Diese Missgeschicke werden von Zeit zu Zeit durch wechselnde Parkwächter behoben, die immer wieder mal den richtigen Gebrauch des Genitivs propagieren oder die ärgsten Graffiti entfernen. Doch oben, auf dem Sockel, ist die Welt immer noch in Ordnung. Dort, in den luftigen Höhen, steht immer noch die reine Dichter- und Denkersprache. Und zwar unbehelligt und unkorrumpiert.

Ganz falsch. Gärtner beweist mit seiner teils polemischen, teils sachlichen, aber immer von Herzblut getragenen Ausführungen, dass die Sprache nicht bloss von unten, sondern auch von oben sabotiert wird. Also gerade auch von jenen Leuten, die sich aus ihre Bewahrer und Wächter verstehen. Wir sprechen vom Feuilleton, vom gehobenen Journalismus und leider auch von manchen Fraktionen der Literatur. Die Rezensionen von Juli Zeh und Durs Grünbein, beide Monumente der sprachlichen bzw. literarischen «Hochkultur» gehören mit zum Besten in diesem Buch. Und die ätzende Würdigung des «Spiegel»-Autors Alexander Osang macht klar, dass die deutschsprachigen Printmedien in fast allen Fällen vor der eigenen Tür kehren müssten, bevor sie den Mahnfinger ausfahren.

Schliesslich finden sich in diesem hübschen Buch auch Passagen, die der Monarch glatt in die Regierungserklärung des Wortreichs kopieren könnte. So etwa Gärtners Antwort auf den Einwand, doch nicht kleinlich jede schiefe Metapher in Zeitungsberichten zu kritisieren:

Erstens bin ich, was das Sprachliche angeht, nicht ganz gesund bzw. neurasthenisch, und zweitens darf ich, excusez, darauf beharren, dass es überhaupt die Kleinigkeiten sind, die sprachliche Qualität ausmachen: weil sie zeigen, wie genau der Schreibende nachgedacht hat. Und ob überhaupt. Denn das ist ja nicht ganz ungefährlich, wenn die, die uns mit Informationen füttern, am Ende nicht nachdenken; und Ihrem Zahnarzt sind Sie schliesslich auch dankbar, wenn er am Nerv vorbeibohrt, und sei es nur um den entscheidenden Millimeter.

Bewertung: Unbedingt lesenswert. Vier von vier monarchistische Kronen.

Das Buch gibts im anständigen Buchgeschäft oder bei Amazon.

Comments 3

  1. Chat Atkins wrote:

    Es gab’s bei amazon sogar gebraucht für 6 Euronen.

    Posted 19 Okt 2006 at 19:21
  2. Michael Staub wrote:

    Der «Preis von zwei Spiegel-Ausgaben» bezieht sich auf das - unverschämte - Schweizer Preisgefüge. Wir zahlen 6 Franken (4 €) für ein Heft.

    Falls du aber zu wenig Arbeit hast, liesse sich mit dem Parallelimport von Büchern (oder Spiegel-Ausgaben) eine Menge Geld verdienen ;-).

    Posted 19 Okt 2006 at 19:39
  3. ramses101 wrote:

    Bei den gebrauchten Büchern kommen bei Amazon (warum auch immer) pauschal 3 Euro Porto dazu. Da zahl ich lieber den Zehner und hab es nicht nur neu, sondern auch am übernächsten Tag.

    Posted 20 Okt 2006 at 10:11

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