«Rettet dem Deutsch!». Unter diesem Motto steht die Titelgeschichte des aktuellen «Spiegel», deren Rezension der Monarch Anfang Woche versprochen hatte und deren Ausbleiben von Herrn Sprechtakel moniert wurde. Nun, da Wochenend und Sonnenschein regieren, schreiten wir zur Kritik.
Eins vornweg: Wer wissen möchte, woran die deutsche Sprache wirklich krankt, wird vom Donnerwetter aus Hamburg enttäuscht sein. «Spiegel»-Redaktor Matthias Schreiber wettert seitenlang gegen Anglizismen, unterlegt seine Thesen mit fragwürdigen Statistiken und baut - huch, schon passiert - noch gleich eine nette kleine Werbestrecke für den Hauskolumnisten Bastian Sick ein.
Das alles wäre halb so schlimm, wenn sich Schreiber nicht als Anhänger adjektivbestückter Nominalkomposita und längst verblasster Sprachbilder profilieren müsste. Wenn er also nicht so schlecht schreiben würde:
Letzten Endes verrät der kollektive Kniefall vor dem Sprachgestus der Angelsachsen eine tiefsitzende Verkrampfung, die im kosmopolitischen Imponiergehabe nur Kompensation sucht, nicht aber erlöst wird. Schliesslich spielt wohl der Wunsch eine Rolle, wenigstens symbolisch an der Spitze des globalen technischen Fortschritts und an der Seite der Sieger des Zweiten Weltkriegs (und so vieler Hollywood-Filme) zu marschieren.
Grässlicher Stil, Herr Schreiber. Weshalb schreiben Sie nicht einfach Deutsch?
Sollen denn die deutschen und andere Muttersprachler tatenlos mitansehen, wie die globale Ökonomie einen welteinheitlichen Konsumententyp durch die fast zwanghafte Verbreitung jener einheitlichen, in der Abschleifung durch die Sprecher aller Länder ausdrucksschwach gewordenen Kolonialsprache begünstigt?
Vielleicht. Sie müssen ja schon jetzt zusehen, wie die nationale Presse das verständliche Deutsch abwürgen will. Zum Beispiel mit der fast zwanghaften Verbreitung gewundener Heissluftströme und extrem origineller Synonyme für so schwierige Wörter wie «Englisch».
Über die Schwindsucht der deutschen Sprache lässt sich trefflich streiten. Doch mit der Verurteilung von Anglizismen und dem Einstreuen von Zitaten ist die Arbeit nicht gemacht. So wird denn ein spannendes Thema auf der publizistischen Schmalspur abgehandelt. Und der «Spiegel»-Leser ist nach der Lektüre entweder so klug als wie zuvor oder der falschen Überzeugung, mit einem Importstop für englische Wörter wäre die deutsche Sprache schon gerettet.
Oh well. Die Sprachkritik aus Hamburg ist gründlich in die Hose gegangen. Der Monarch legt den «Spiegel» zum Altpapier und nimmt sich vor, der geneigten Leserschaft in naher Zukunft endlich ein paar seiner Lieblingsbücher aus dem Ressort «Sprachpflege» vorzustellen. Ja, Bücher über Sprache. Gedruckte Buchstaben, die nicht nur inhaltlich überzeugen, sondern auch mit Genuss zu lesen sind. Come in and find out!
Update (9.10.06): Auch surfguard, Trithemius und das GoetheBlog berichten über den «Spiegel» an der Wand. Und Detlef «Wortistik» Gürtler kürt «Sprachstelzerei» zum erwünschten Neologismus.
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Posted 29 Okt 2006 at 20:41 ¶Trackbacks & Pingbacks 3
Die Argumente lottern, nicht die Sprache
Ich hatte bereits darauf hingewiesen: Der Spiegel titelte in seiner 40. Ausgabe “Rettet dem Deutsch” und “Deutsch for sale”. Kulturredaktor Mathias Schreiber behauptet, Deutsch verlottere, es werde “so schlampig gesprochen und geschrieben wie wohl…
[...] «Rettet dem Deutsch» - die kürzlich erschienene Titelgeschichte des «Spiegel» hat den Monarchen nicht nur enttäuscht, sondern auch dazu bewogen, in losen Abständen Bücher zu rezensieren, die sich der Sprachpflege (und auch dem Sprachzerfall) umfassender widmen. Den Anfang macht ein hervorragendes Buch, das mit 10 Euro auch nicht viel mehr kostet als zwei «Spiegel»-Ausgaben: [...]
[...] Übrigens: der USA Erklärer verfasste seinen durchaus lesenswerten und aufschlussreichen Artikel anlässlich einer SPIEGEL-Debatte mit dem Vorwurf, die Deutschen verhunzten und gäben die Schönheit ihrer Sprache. Die linguistischen Blogs entkräftet natürlich geschlossen diesen Vorwurf aus der Fundgrube. Für den schweizerischen Einstieg in die Welt der Sprachen empfiehlt sich die “linguistische Monarchie”. [...]
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