Ich bin nicht unzuversichtlich

Der «Tages-Anzeiger» widmet sich heute unter anderem der Umstrukturierung der Zürcher Voksschule. Unter dem mehrdeutigen Titel

Schulvorstand wünscht sich offenere Lehrer

lesen wir über den Reform-Widerstand der Lehrerschaft und die Ansichten von Stadtrat Gerold Lauber, «Schulvorsteher» der Stadt Zürich (welche bekanntlich das «Gartenbauamt» in «Grün Stadt Zürich» umbenannte, und das «Personalamt» in «HR Stadt Zürich». Schön, dass sich das linguistisch einwandfreie Amtsdeutsch wenigstens noch in der Schule halten konnte).

Wie gesagt: Wir lesen. Und so sticht uns eine bedenkliche sprachliche Volte ins Auge:

Und nun, gibt der Schulvorstand sein Amt wegen der defensiven Stimmung in der Lehrerschaft wieder ab? «Ich bin nicht unzuversichtlich, dass sich diese noch ändert. Vor allem die Jungen zeigen sich Neuem gegenüber aufgeschlossen», meint er [Lauber]. Sein Fazit nach 100 Tagen: «Es gefällt mir»

Die Koppelung «nicht + un + Adjektiv» hat ihre Berechtigung. Aber nur bei Spezialfällen: Wer zum Beispiel nicht unglücklich ist, dass ein hastig in den Kalender gedrückter Termin annulliert wird, versteckt allzu verdächtige Erleichterung und wahrt gleichzeitig sein Gesicht als Vielbeschäftigter (cf. Manager-Monologe in öffentlichen Verkehrsmitteln).

Für die Zuversicht aber scheint mir solches Lavieren unangebracht und falsch. Dazu eine kleine Wortkunde: Wer nicht überzeugt, aber zuversichtlich ist, impliziert damit auch: Nicht alles gefällt mir, aber vielleicht (und vermutlich) klappts trotzdem. Wer nicht eben zuversichtlich ist, grenzt schon hart an den Pessimus, ohne diesem gänzlich zu verfallen. Und der nicht Unzuversichtliche? Er bringt sich um seinen sprachlichen Kredit. Denn offenbar ist er nicht zuversichtlich, dass die Infrageseienden kritisierten Lehrerinnen ihre Aufgaben auch tatsächlich erledigen. Oops.

Comments 2

  1. rb wrote:

    Die linguistische Monarchie sollte erst mal im eigenen Königreich für Ordnung sorgen. “Dieser Eintrag wurde am on Mittwoch, August 16th, 2006 at 10:35 gemacht…”, heisst es etwas weiter oben. Ein Eintrag wird aber nicht gemacht, sondern geschrieben (das on vergessen wir da mal, das wird ja offenbar automatisch englisch generiert).
    Und ob der Begriff “die Infrageseienden” zum guten Sprachstil gehört, da bin ich nicht unpessimistisch. Doch ich will nicht nur böse sein: gute Idee, dieser Blog!

    Posted 16 Aug 2006 at 23:44
  2. Michael Staub wrote:

    Ich bin nicht ungeneigt, diesen Vorschlägen stattzugeben. Die Kopf- und Fusszeilen sind eine alte Pendenz.

    Zum guten Sprachstil: Stimmt und wird verschönert (oder wenigstens nicht verschlimmert).

    Posted 17 Aug 2006 at 8:36

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