Wer liest, lernt dazu. Unter Umsteigebeziehungen hätte ich bis heute besonders komplizierte Fernbeziehungen mit mehrmaligem Umsteigezwang vermutet. Doch nun werde ich eines Besseren belehrt: Es geht um die Feinheiten des öffentlichen Verkehrs. In diesem Fall sogar um den komplexen Zusammenhang zwischen Haltestellenflucht und Fahrplanerosion. Denn in einem typischen Sommerloch-Artikel hat der «Tages-Anzeiger» am 7. August das allzu frühe Abfahren von VBZ-Gefährten bemängelt. Ein Insistieren auf Fahrplantreue, das den Monarchen an die Geschichte vom «NZZ»-Redaktor erinnert, welcher jeweils kleinste S-Bahn-Verspätungen des Grossen und Breiten… aber das führt zu weit.
Item. Jedenfalls verlangte der «Tages-Anzeiger» fahrplanbasierte Pünktlichkeit. Und heute stossen gleich zwei Leserbriefe ins gleiche Horn. Das Highlight:
Gut, dass der Tages-Anzeiger die verbreitete Unsitte des zu frühen Abfahrens von VBZ-Fahrzeugen aufgreift. Sie zerstört nach meinen Erfahrungen oft wichtige Umsteigebeziehungen, die die Fahrplangestalter intelligent ausgedacht haben.
Also: Wer einen Tramführer, eine Buschauffeuse beim verfrühten Wegfahren ertappt, stelle ihn oder sie unmissverständlich zur Rede: Sie Beziehungskiller, Sie!
Comments 2
Ihr Schweizer lebt sprachlich in einem seltsamen Land: der Mief obrigkeitsgläubiger Bürgerlichkeit und ein sanfter Geruch nach 19. Jahrhundert durchweht alle Zeilen. Wenn ich bei meinem Bruder die NZZ lese, dann liege ich vor Lachen oft auf dem Rücken. In einer Züricher Straßenbahn warnte mich einst ein Schild, dass ich, wäre ich Schwarzfahrer, für die “Umtriebe” zur Rechenschaft gezogen würde. Hat das vielleicht etwas mit den alljährlichen Almumtrieben der Kühe im Berner Oberland zu tun?
Posted 11 Aug 2006 at 11:39 ¶Nun, auch wenn die Platzverhältnisse in den Stosszeiten zweifellos an Käfighaltung erinnern, dürfte die Vermischung von Landwirtschaft und öffentlichem Verkehr nicht goutiert werden. Man erlaube mir deshalb eine Differenzierung:
Die Umtriebe der Kühe werden alpsprachlich korrekt in zwei Kategorien unterteilt. Beim Auftrieb gehts hoch, beim Abtrieb runter. Oder auf gut Berndeutsch obsi und nitzi (Stadtberner) bzw. uehi und ahi (Oberländer).
Anders im Tram: Hier sind Umtriebe prinzipiell immer als Bewegung nach unten zu verstehen. Laune und Finanzen sinken rapide. Das einzige, was sich da noch in den Auftrieb begeben mag, ist der Blutdruck. Vielleicht sollten die VBZ ihre «Kundenberater» (a.k.a. Razzia-Einsatzkräfte) in «Hirten» umtaufen?
Posted 11 Aug 2006 at 13:14 ¶Post a Comment