«heute» wird unmoralisch

Der zweite Globulus der homöopathischen «heute»-Blattkritik handelt vom Boulevardjournalismus. Genauer: Von boulevardjournalistischen Titeln.

Bekanntlich stammt «heute» aus dem Hause Ringier, welches auch den «Blick» herausgibt. Im bereits zitierten Interview mit «persönlich» nahm «heute»-Chefredaktor Bernhard Weissberg wie folgt Stellung :

«persönlich»: Wie sieht in inhaltlicher Hinsicht die Aufgabenteilung zwischen “heute” und dem Blick aus?
Weissberg: In “heute” können wir Promotion für den Blick vom kommenden Tag machen – wie auch umgekehrt. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass “heute” und der Blick zwei völlig verschiedene Zeitungen sind.

Dieser Unterschied ist nicht immer offensichtlich. So geschehen in der gestrigen Zürcher Ausgabe. Oberhalb der prominenten Gotthard-Felssturz-Story findet sich ein Anreisser, der Sex, äh, Swissness und Crime verbindet:

Kinder erhielten unmoralisches Angebot von Swiss

Mit vor Empörung zitternden Fingern blättern wir zur Seite 7, wo unter einem volkstümlichen

Swiss bringt Adressen durcheinander

der eigentliche Titel steht:

Peinliche Panne: Wein für Kinder

Huch! So rasch wird aus der «Unmoral» eine «Panne». Und die moralische Abrüstung schreitet fort:

ZÜRICH. Dumm gelaufen: Das Vielfliegerprogramm «Miles & More» der Swiss bot Kindern Wein zum Kauf an.

Dumm gelaufen! Der Aufreisser auf der Frontseite ist wohl fast ein wenig zu stark. Ob das Vielfliegerprogramm der Swiss tatsächlich ein handelndes Subjekt ist, welches Kindern Wein anbieten kann, soll hier nicht näher erörtert werden.

Und die Story? Sie wäre auf fünf Zeilen zu erzählen: Swiss-Mitarbeiter (oder doch die geheimen Kräfte des Vielfliegerprogramms?) filtern die Adressdatei falsch, versenden die Einladung zum Wein-Service an 16′000 Minderjährige, von welchen 20 reklamieren, die Swiss entschuldigt sich. End of Story. Wenn da nicht das leidige Handwerk wäre:

Rund 20 Kunden hätten reklamiert, sagt Urs W. Eberhard, General Manager Loyalty Management..

Was zum Geier ist ein General Manager Loyalty Management?

Liebe «heute»-Redaktorinnen und -Redaktoren, es reicht nicht, die E-Mail-Signatur eines Gesprächspartners zu kopieren. Es braucht auch noch kognitive Eigenleistungen: Was ist die Aufgabe dieses Managers? (Auf Deutsch, wenns geht).

Und es gibt auch andere, wichtigere Fragen, die im Text überhaupt nicht zur Sprache kommen: Wer übernimmt die Verantwortung für das unmoralische Angebot, ich meinte: die Panne, ich meinte: das dumme Missgeschick? Was unternimmt die Swiss, um Wiederholungen zu vermeiden?

Und wo liegt der Nachrichtenwert, einmal abgesehen vom «Dumm gelaufen»? Ist diese Panne immer noch typisch für die unglücklich gestartete Swiss, oder stellt sie mittlerweile einen der wenigen Ausrutscher der jüngsten Lufthansa-Tochter dar?

Für eine saubere Recherche hats nicht gereicht. Das ist wirklich dumm gelaufen.

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