Auf Wiedersehen

In diesen Tagen wird das Wortreich drei Jahre alt. Und viel älter wird es nicht mehr werden, weil ich es im Museum der Monarchien magaziniere. Wie die geneigte Leserschaft bemerkt hat, sind die Beiträge in den letzten Monaten selten geworden. Ein Grund dafür ist die relative Abgegrastheit meiner Themen. Ein zweiter Grund ist der Beginn meines Studiums, das viel Zeit und Offline-Lesen verlangt. Und ein dritter Grund ist fast der Wichtigste: Ich möchte aus Spass, nicht aus Pflichtgefühl bloggen. Deshalb mache ich fürs erste Schluss und bedanke mich bei den treuen Kommentierern, Leserinnen und Rezensenten.

Michael Staub

Strukturalistisch

Juchu, es kracht! Während sich die Banken täglich abwechseln, um die Karre Weltwirtschaft auch mal in die Wand fahren zu dürfen, hoffen die Kleinanleger auf das grosse Geld. Nicht weil es aufwärtsgeht, sondern weil es abwärtsgeht – eine richtige Hausfrauenbaisse. Die diesjährige Messe «Strukturierte Produkte» passt prima dazu und wirbt deshalb mit ihrem Heftchen «dp payoff special – all about derivative instruments». Darin gibt es viele bunte Inserate mit unfreiwilliger Komik («Making more possible» – ABN Amro», «Eigentlich unbeschreiblich» – Waldhaus Flims, «Information entscheidet» – Goldmann Sachs). Und es gibt ein surreales «Know How»-Quiz mit Fragen wie:

Frage 11: Was passiert bei der Berührung des Knock-ins bei einem Twin-Win-Zertifikat?
a) Es wandelt sich in ein Outperformance-Zertifikat oder ein Tracker-Zertifikat um.
b) Es wandelt sich in ein Outperformance-Bonus-Zertifikat um.

Wer wird Millionär? Ich tippe auf b), denn «Bonus» wird ja im Moment mit «Gibts immer und sowieso» übersetzt. Aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinweisen. Im Editorial steht nämlich:

Fast täglich vermelden die Medien neue Abschreibungen, Verluste und Rückstellungen. Als Grund für diese globalen Probleme werden immer wieder Derivate und strukturierte Finanzanlagen genannt. Aber was hat es mit diesen Instrumenten denn eigentlich auf sich? Was steckt dahinter, und vor allem, was steckt darin?

Das US-Finanzministerium weiss es nicht, die EU weiss es nicht, die Schweiz weiss es auch nicht mehr. Und jetzt kommts:

Antworten auf diese Fragen erhalten Sie an der zweiten Messe für Strukturierte Produkte vom 23./24. Oktober im Zürcher Kongresshaus.

Bitte nicht drängeln, die Weltbank hat Vortritt.

Zur Stadt Zürich

Vor der Uni, wo auch heute wieder der Tod des Autors verhandelt wurde, sah ich ein angekettetes Fahrrad der Marke «Author». Ob das eine Geschichte ist?

Nuschelschild

Nina von «Sehsucht» hat ein Nuschelschild entdeckt. Diesen Namen gibt sie ihm wegen seines «stream-of-consciousness-mässigen Nuschelns» über zufällig aufgezählte Esswaren («30 div. Salate, belegte Brötli»). Als Werbeträger finde ich Nuschelschilder allemal sympathischer als die aktuellen Gags der Werber. Die lustige Kaffeewerbung mit den Schreibfehler oder die noch lustigere Käsewerbung mit dem Dialäkt-Hochdeutsch-Gepansche können sich beim Nuschler eine dicke Scheibe abschneiden. Oder wenigstens versuchen, den Nuschel-Charme der Barmänner im Zug zu kopieren: «Kaffee … Tee … Sandwich … Getränke … Olten …».

Eingreiftruppe

Krisenstäbe waren gestern. Falls die unsichtbare Hand des Marktes unsere Banken noch tiefer ins Elend stürzen sollte, gilts ernst:

Im eidgenössischen Parlament soll noch diese Woche eine Eingreiftruppe gebildet werden, die dem Bundesrat im Falle einer dramatischen Verschärfung der Finanzkrise zur Seite steht.

Das würde erklären, weshalb heute Nachmittag in Zürich auf einmal Schützenpanzer auftauchten. Drei (oder warens vier?) Stück beim Pfauen, mit grimmig blickenden Fahrern (Performance-Künstler hätten wenigstens gelacht). Und das in Fahrzeugen, die «Piranha» heissen. Autsch.

De arbeitest Zu Haus

Es gibt gute Werbung und schlechte Werbung, lustige Werbung und doofe Werbung, es gibt auch Hybriden. Dieses Internet-Inserat scheint die neue Sorte «Mies übersetzt, aber doch poetisch» zu vertreten:

Mehr als 300 Woche verdienen. Einfach so mit Hausschuhen an.

«De arbeitest» kommt mir niederländisch vor und ist entweder ein Übersetzungsfehler oder Teil eines neuen EU-Sprachförderprogramms. «Zu Haus» scheint im heutigen Mischmasch von Gross- und Kleinschreibung, Recht- und Schlechtschreibung, Aus Einander und Zusammenschreibung schon fast ein gültiger Ausdruck zu sein. Statt «zuhause» sind wir in einigen Jahren vielleicht in dieser Wendung «Zu Haus». Doch das sind nur Nebenschauplätze.

Denn da gibts diesen mehrdeutigen Satz: «Mehr als 300 Woche verdienen». Er öffnet uns die Augen für die Wirtschaftslage (Mehr als 10’000 waren einmal, heute sind es mehr als 300), die Lebenserwartung (mehr als 300 Wochen verdienen?) und die Herrschaft des Dialekts (noch schöner wäre «Wuche»).

Und da gibts auch diesen grossartige Satz: «Einfach so mit Hausschuhen an». Er trifft die geheime Sehnsucht der Lottospieler, der Wer-Wird-Millionäre, der Lösungswort-per-SMS-Sender: Her mit der Kohle, aber ich bleibe hier! Das ist aber nicht alles. «Einfach so mit Hausschuhen an» findet auch das Ohr unseres inneren Oblomows, der überzeugt ist, Grosses zu tun, sobald er das bequeme Bett verlässt. Wenn es bloss nicht so bequem wäre.

Nein, doof ist diese Werbung nicht. Aber clever.

Busshaltestelle

Ein nobel lateinischer «Circus» kommt in mein Städtchen und kündet an, das Zelt werde bei der «Busshaltestelle» aufgeschlagen. Eine überfällige Neuschöpfung. Für Spirituelle kann die Busshaltestelle in Zukunft einen definierten Ort der Busse (und Einkehr) bezeichnen, zum Beispiel auf dem Jakobsweg. Autofahrer werden sie als charmantere Bezeichnung für Polizei-Grosskontrollen einsetzen, und Rotlichter missachtende Velofahrer als den Ort, wo der Schreibblock des Gesetzes sie zum Halten bringt.

Latteisierung

In den Netzen der Wortwarte ist die Latteisierung hängengeblieben. Zu finden ist das Wort zum Beispiel in einem aktuellen Artikel der Süddeutschen Zeitung. Dort wird das vermutete Ende der Kaffeepause beklagt:

Wenn sich das ganze Team bei Starbucks, der San Francisco Coffee Company oder dem McCafé eindeckt, stirbt die Bürokaffeepause, das beste Zeitfenster für Intrigen, Mobbing und Verschwörungen, einen einsamen Tod. Wann sonst können Kollegen sich gegenseitig erzählen, was im “Radio Flurfunk” wieder Neues gespielt wird?

Die Latteisierung beschreibt damit zwei parallele Entwicklungen: Einerseits das Kaffeepausensterben, andererseits den vermeintlichen Gewinn von Coolness durch die Starbucks-Kartonbecher. Für Bürosoziologen ist sie gewiss ein taugliches Wort, für Sprachmenschen weniger. Zwei aufeinanderfolgende Vokale plus die Koppelung von italienischem Wort und lateinischer Endung – das ist unschön anzuschauen und noch übler auszusprechen. Ich habe ein paar Alternativen:

Kaffeemilchschwemme
Kinderkaffeeflut
Lattequatschkolonien

Übrigens warte ich gespannt, wann in der ersten Seifenoper die Frage “Gehen wir Kaffee trinken” ersetzt wird durch: “Hm, also ich hätte jetzt unglaubliche Lust auf einen “Pomegranate Peach Frappuccino Double Chocolate Chip, und du?”

Qualität fängt mit «Kuh» an

Letzte Woche las ich im «Tages-Anzeiger» nach Hinweis korrigiert am 22.9.08: «Newsnetz» unter dem Titel «Die Gratiszeitung als Übergangsphänomen» ein tapferes Fazit:

Schaffen es die Kaufzeitungen also, den Lesern mit qualitativ hoch stehenden Inhalten echten Mehrwert zu bieten, könnten die Gratiszeitungen noch vor ihnen das Zeitliche segnen.

Qualitativ hochstehend? Dann bietet sich beim «Tages-Anzeiger» ein Qualitätsmanagement für den «Zürich»-Bund an. Beim wirklich flüchtigen Querlesen fand ich zum Beispiel die folgenden Minderwerte:

Auf der Getrudstrasse in Zürich ist ein 38-jähriger Schweizer überfallen worden. (…) Der Täter entnahm ihm das Portemonnaie (…).
[Seite 15]

Mit einem Skalpell?

Dieser arme Braunbär im Zoo von Brno (Tschechien) verfettete, weil er zu viel Brot ass. Dazu leidet er an Haarausfall.
[Seite 13]

Jö, der Arme! Er sollte unbedingt gesünder essen, aber nicht den Junkfood, den die Menschen fressen.

Nach dem Kalbsbratwurst-Schock die Entwarnung. Ein TA-Test zeigt: Die Zürcher Würste sind in Ordnung. Die Kronenhalle-Wurst genügt aber nur haarscharf.
[Seite 11]

Himmel, welche Achterbahnfahrt! Vom Schock (allgemeiner Kalbsbratwurst-Alarm) direkt in die Entwarnung, aber nur haarscharf. Popcorn!

Übrigens: Auf der letzten Seite des Bundes vermerkt die Klatschkolumnistin Hildegard Schwaniger «Notizen zu Namen». Wenn das mal kein echter Qualitätszeitungs-Mehrwert ist! Und keine dummen Sprüche, bitte. Das gedämpfte Stöhnen stammt nicht von den «Tages-Anzeiger»-Abonnenten, sondern von der ersten sterbenden Gratiszeitung …

Die untote Sprache

Das Zitat der Woche ist eine Woche alt – aber immer noch gut. Der «Tages-Anzeiger» berichtete letzten Freitag über die nächste Maturitätsreform und befragte dazu Ralph Eichler, Rektor der ETH Zürich:

Woran fehlt es jenen [ETH-Studenten], die durch die erste Zwischenprüfung fallen?
Mein Befund ist überraschend: Diese Maturanden können sich sprachlich zu we­nig präzise ausdrücken. Das ist entschei­dend, weil in den Naturwissenschaften – si­cher viel stärker als in der Literatur – jedes Wort eine genaue Bedeutung hat. Dieses Textverständnis lernt man im Gymnasium in der Mathematik und den alten Sprachen. Wer Latein oder Griechisch hatte, ist oft auch an der ETH gut. Deshalb muss die nächste Maturareform die Kompetenz ei­ner exakten Sprache stärker gewichten.

Das klingt plausibel. Zwischen «Aso, ich finde» und «Finden, 1. Person Singular Indikativ Präsens aktiv» liegen einige Nuancen. Und wer den doppelten Rittberger von abl. abs. und gen. sub. beherrscht, wird sich doch nicht von ein paar läppischen Higgs-Teilchen irritieren lassen.